Werkluftschutz
Während sich der Selbstschutz und der erweiterte Selbstschutz mit Luftschutzfragen im privaten und öffentlichen Raum befassten, war der Werkluftschutz ausschließlich für Industrie- und größere Gewerbebetriebe zuständig. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die Schäden durch Luftangriffe so gering wie möglich zu halten, um die Produktion weiterhin zu gewährleisten.
Neben einer straffen Organisation der Einsatzkräfte wurden auch bauliche Maßnahmen umgesetzt, wie das Herrichten von Luftschutzkellern und der Bau von Luftschutzanlagen.
Das Neusser Unternehmen Bauer & Schaurte verfügte über mehrere Luftschutzkeller und eine außergewöhnlich große Luftschutzanlage am Weißenberger Weg, die inzwischen vollständig abgerissen wurde. Mit dem Bau der rund 1.300 m² großen unterirdischen Anlage wurde 1937 begonnen. Bis zu ihrer Fertigstellung im Jahr 1939 beliefen sich die Kosten auf ca. 270.000 RM. Aufgrund der geringen Deckenstärke von nur 50 cm kann nicht von einem Bunker, sondern lediglich von einem Luftschutzkeller gesprochen werden. Zwar war der Schutzgrad durch die unbewehrte Betondecke eher gering, doch verfügte die Anlage über eine umfangreiche Ausstattung auf dem modernsten Stand der damaligen Zeit: eine Sanitätsstelle, ein Raum für Gasspür- und Entgiftungsgerät, Luftfilteranlagen und ein eigenes Telefonnetz.
Die für den späteren Bombenkrieg unzureichende Deckenstärke erklärt sich durch das frühe Baujahr der Anlage. In der Vorkriegszeit rechnete man zwar mit zukünftigen Luftangriffen, deren Intensität jedoch falsch eingeschätzt wurde. Dies lag unter anderem an den Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, den noch nicht so leistungsfähigen Flugzeugen und dem festen Glauben an die deutsche Flugabwehr. Dass Bauer & Schaurte schon vor Kriegsbeginn so massiv in den Luftschutz investierte, liegt einerseits daran, dass das Unternehmen bereits im Frühjahr 1937 als geschützter Rüstungsbetrieb galt und zwischen 1939 und 1945 als „kriegswichtiger“ Betrieb eingestuft wurde. Durch die Produktion von Spezialschrauben für Flugzeuge und Panzer war das Neusser Unternehmen von erheblicher Bedeutung für die deutsche Kriegsführung. Auch die enge Verbindung zum NS-Regime wird dazu beigetragen haben. Werner Theodor Schaurte war NSDAP- und SA-Mitglied. Seine Gesinnung trat bereits anlässlich der Maifeiern 1933 öffentlich zutage, als er an der Spitze des 115 Mann starken werkseigenen SA-Sturms aufmarschierte. Auch die Fahnenweihe der Standarte des SA-Sturms durch Hitler persönlich sowie der gemeinsame Besuch Schaurtes und Hermann Görings bei der Ausstellung „Schaffendes Volk“ 1936 in Düsseldorf zeigen die Verbundenheit zur NS-Regierung deutlich.
Ende 1942 wurde auf dem Gelände, auf dem sich auch der große Luftschutzraum befand, eines der drei Zwangsarbeiterlager errichtet. Das Lager am Weißenberger Weg bestand aus vier bis sechs Holzbaracken, in denen 250 bis 500 sogenannte Ostarbeiter interniert wurden. Das Lager wurde von einem werkseigenen Lagerführer und zivilen Wachleuten bewacht, die alle dem Firmenpersonal angehörten. Bereits 1942 setzte das Unternehmen bei der Ernährung der Zwangsarbeiter das unmenschliche Prinzip der „Leistungsernährung“ um, bei der die Verpflegung an die individuelle Arbeitsleistung gekoppelt wurde. Für die Betroffenen bedeutete dies, dass sie noch stärker der Gefahr von Auszehrung ausgesetzt waren. Außerdem wurden die Kürzungen der Essensrationen auch auf die Personen ausgedehnt, die mit den angeblich „Leistungsunwilligen” in einer Einheit zusammenarbeiteten. Bei der Anwendung dieses unmenschlichen Prinzips scheint die Neusser Firma Bauer & Schaurte eine Vorreiterrolle gespielt zu haben. In einem Bericht der Düsseldorfer Industrieabteilung aus dem Jahr 1942 wurde das Unternehmen in dieser Hinsicht ausdrücklich gelobt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden bei Bauer & Schaurte in Neuss rund 2.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt. Obwohl sich eine große Luftschutzanlage direkt unter dem Lager befand, durften die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter dort keinen Schutz suchen. So kamen beim Luftangriff am 22. Oktober 1944 65 überwiegend osteuropäische Arbeitskräfte ums Leben. Dabei wurden auch die unterirdischen Schutzräume getroffen. Die Bomben durchschlugen die Betondecken von mindestens zwei Schutzräumen.
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte - Trefferraum
Abriss Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Luftfilteranlage im Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Abriss Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Abortnischen im Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Während der Begehung
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte
Abriss Werkluftschutzraum von Bauer & Schauerte