Brandbomben

Britische Flüssigkeitsbombe LC 30 LB MK I 

Bei der deutschen Bevölkerung waren Brandbomben, die von alliierten Flugzeugen auch über dem Rhein-Kreis Neuss abgeworfen wurden, besonders gefürchtet. Der Querschnitt zeigt eine britische Flüssigkeitsbombe vom Typ LC 30 LB MK I. Die zylindrische Hülle dieser umgangssprachlich sogenannten Phosphorbombe bestand aus Stahl und wog um die 30 britischen Pfund, also knapp 14 kg. Sie war mit einem leicht brennbaren Benzin-Kunstharz-Gemisch von mehr als 3,4 kg sowie bis zu 300 g weißem Phosphor als zusätzlichem Zündmittel gefüllt. Bei dem uns zur Verfügung gestellten Fundstück ist die verschraubte Öffnung zum Befüllen am hinteren Teil der Bombe sehr gut erkennbar. Beim Aufschlag zerbarst die Bombenhülle und die freigesetzte Brandmasse sowie der Phosphor entzündeten sich. Die zähe und klebrige Füllung der Bombe ließ sich nur schwer löschen und war deshalb bei der deutschen Bevölkerung sowie den Brand- und Luftschutztrupps gefürchtet. Phosphor ist zwar durch Wasser ablöschbar, kann sich nach dem Trocknen jedoch erneut entzünden. Deshalb wurden die Brandherde mit Sand bedeckt, um der chemischen Reaktion keinen weiteren Sauerstoff zur Verfügung zu stellen.
Eine 1935 geborene Dormagener Zeitzeugin erinnert sich an einen solchen Bombentreffer in Broich.

"Bei einem Angriff mit Phosphorbomben schlug eine Bombe durch das Dach unseres Nachbarhauses ein. Die Mutter hatte grade das Bett verlassen, als eine der Phosphorbomben durch das Dach, durch das Bett im Obergeschoss, durch die Decke ins Untergeschoss und dort in den Wohnzimmertisch einschlug. Dort blieb sie stecken und brannte. Die Männer der Nachbarschaft, darunter auch mein Vater, wollten den Tisch hinaustragen, um einen größeren Brand zu verhindern. Das Phosphor war auch unter die Tischplatte gelaufen, daher brannten auch die Hände der Helfer..."

Auszug eines Zeitzeugeninterviews aus dem Privatarchiv von Manfred Stefer

Englische Zielmarkierungsbombe 250lb

Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hatte das Wort „Christbaum” eine weitere, unweihnachtliche Bedeutung. Damit wurden die Leuchtmarkierungen bezeichnet, die den alliierten Bombern das Zielgebiet über deutschen Städten markierten. Sie wurden vor den eigentlichen nächtlichen Luftangriffen abgeworfen. Dazu gehörten Fallschirmleuchtbomben und Zielmarkierungsbomben wie die mit bis zu 60 Leuchtsätzen ausgestattete 110 kg (250 lb) schwere Bombe, deren technische Zeichnung diesem Beitrag anhängt. Eine Leuchtbombe brannte vier Minuten lang. Die Zielmarkierungen mussten daher während des Bombardements ständig erneuert werden, denn die Besatzung der Bomber flog auf Sicht. Die Radartechnologie war erst gegen Kriegsende einsatzfähig. Mittels Fallschirmen wurden weiße, rote und grüne Leuchtbomben abgelassen, um das Zielgebiet zu erhellen, anschließend wurden weitere Bodenmarkierer abgesetzt. Dies wurde von sogenannten Pfadfinderflugzeugen („Pathfinder“) umgesetzt, von denen einige dem eigentlichen Bomberverband vorausflogen. Die Bomben wurden gebündelt abgeworfen, da sich die Leuchtkraft einzelner Bomben durch mehr Brennstoff nicht erhöhen ließ und die Explosionsgefahr anstieg. Diese leuchtenden Trauben von Bomben wurden als Christbäume bezeichnet. Dies ist in der Zeichnung „Feind wirft Brandbomben“, die 1943 vom Reichsluftschutzbund herausgegeben wurde, dargestellt. Oft fielen aus den roten und grünen Leuchtbomben noch gleich- oder andersfarbige Sterne vom Himmel hinab. Mithilfe dieser sogenannten Skymarkers wurden Flugmanöver koordiniert. Ein 1941 geborener Dormagener Zeitzeuge erinnert sich noch an den glühenden Himmel über Köln. Dem Glühen und somit dem eigentlichen Luftangriff gingen wahrscheinlich auch die Abwürfe von leuchtenden Zielmarkierungen voraus.
„Als wir den Himmel rot sahen über Köln. Und Flieger ... Wir haben da gelegen und über die Stadtmauer hinweg in die Höhe sehen können. Da war alles rot über Köln.“

Britische Stabbrandbombe INC 4 LB

Bei einer unserer ersten Begehungen einer Luftschutzanlage in Dormagen hatten wir die Gelegenheit, uns mit einem inzwischen verstorbenen Zeitzeugen zu unterhalten. Er erzählte uns, wie er den Krieg erlebt hatte. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns, dass er als Junge zusammen mit anderen Kindern die umliegenden Felder des kleinen Ortes nach Blindgängern absuchte, nachdem es wahrscheinlich zu Notabwürfen der alliierten Bomber gekommen war. Die gefundenen Stabbrandbomben wurden eingesammelt und mit einem Handkarren abtransportiert. Gemäß der britischen „Area Bombing Directive“ vom Februar 1942 sollten durch den Einsatz großer Bomberverbände gezielt Wohngebiete bombardiert werden, wie es beim 1000-Bomber-Angriff auf die Stadt Köln der Fall war. Im Verlauf des Krieges wurden über 80 Millionen Elektron-Stabbrandbomben, die schon vor dem Krieg in Deutschland und England entwickelt worden waren, über Deutschland abgeworfen, somit auch über dem Rhein-Kreis Neuss. Die britische Stabbrandbombe INC 4 LB wurde während des Krieges weiterentwickelt, ebenso die deutsche Stabbrandbombe, die beispielsweise bei der Bombardierung von London durch die deutsche Luftwaffe zum Einsatz kam. Mit einem Kopf aus Stahl durchschlug die 1,7 kg schwere Bombe den Dachstuhl und manchmal auch die darunterliegenden Decken. Durch den Aufschlag wurde ein Zünder aus Thermit aktiviert. Bevor die Thermit-Füllung im Inneren der Bombe Feuer fing, war es noch möglich, die Bombe innerhalb von einigen Sekunden aus dem Fenster zu werfen. Danach verbrannte die Bombenhülle aus Magnesium und Zink bei 3.000 °C. Der entstehende Brandfladen oder -kuchen war nur schwer zu löschen. 

Aus der Schulchronik Elfgen vom 27. November 1941: "Gegen 19.50 Fliegeralarm. Gegen 20.20 läßt die Detonation einer Sprengbombe das Schulgebäude erzittern. Ich eile vor die Haustür und stehe wie gebannt vor einem niegesehenen Schauspiel. Vor mir (ist) die Höhe des Schavenberges, sowie alle Gärten im Elsbachtal von kugeligen Feuern übersät. Im Abstand weniger Sekunden steigen Feuerfontänen explodierender Brandbomben hoch. Im Dorf ertönt aufgeregtes Rufen. Aus dem Herrenhof steigt Rauch hoch. Vor der Küchentür des Hauses Krupp brennt eine helle Feuerkugel. Was ist geschehen? Das Kirchende unseres Dorfes ist mit Brandbomben überschüttet worden. Die Bomben wurden aus südöstlicher Richtung geworfen: Eine Brandbombe durchschlug das Dach des Herrenhofes und zerstörte eine Nähmaschine und zündete ein Bett an. In einer Arbeiterwohnung des Hofes wurden Kleidungsstücke in Brand gesetzt. Der Kuhstall des Hofes brannte mit Heuvorräten ab. Das Vieh – 23 Kühe – wurde gerettet. Der Kirchturm wurde getroffen, aber nicht beschädigt. In den alten Bauernhof Engels fielen 5 Bomben. Schneidermeister Heber warf sie hinaus und löschte entstehende Brände. Die Familie N. stand im Flur des Hauses Nebenhaus der Bäckerei  –und wollte den Schutzraum aufsuchen. Eine Brandbombe durchschlug Dach, Decke, einen Tisch im oberen Geschoß, die Flurdecke und traf den 9jährigen, einzigen Sohn Hubert am rechten Arm. Mit schweren Verletzungen und Brandwunden wurde der Junge ins Grevenbroicher Krankenhaus eingeliefert." 

Englische Zielmarkierungsbombe 250lb 

Heft 2 der Schriftenreihe „Feind wirft Brandbomben!“ des Reichsluftschutzbundes aus dem Jahr 1944

"Einsatz der Hausfeuerwehr“ aus Luftschutz in Bilder – Eine gemeinverständliche Darstellung des gesamten Luftschutzes für jeden Volksgenossen“ aus dem Jahr 1935