Drahtfunk
„Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter.“ Mit diesen Worten ging vor über 100 Jahren der erste offizielle deutsche Radiosender in regelmäßigen Sendebetrieb. Ein historischer Moment! Denn durch die „Funk-Stunde“ wurde das Radio nun auch in Deutschland einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Zumindest für diejenigen, die sich während der Hyperinflation die Rundfunkgebühr von 350 Milliarden Mark und zusätzlich ein Empfangsgerät leisten können. Im Dezember 1923 waren es gerade einmal 476 Personen, zwei Jahre später aber schon über eine Million.
Im August 1933 wurde auf der Funkausstellung der Volksempfänger VE 301 der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Bezeichnung leitet sich vom 30. Januar, dem Tag der Machtübernahme, ab. Alle großen deutschen Radiohersteller wurden verpflichtet, den Volksempfänger nach einheitlichen Vorgaben zu produzieren und zum Preis von 76 Reichsmark zu verkaufen. Aufgrund der stark angestiegenen Hörerzahlen – von rund vier Millionen Anfang 1932 auf über zwölf Millionen Mitte 1939 – gilt der Rundfunkbetrieb bis heute als eines der wichtigsten Instrumente der NS-Propaganda. Mit Zunahme der alliierten Luftangriffe bekam der Rundfunk auch eine wichtige Rolle im Luftschutz, denn durch ihn wurden die Luftlagemeldungen an die Bevölkerung durchgegeben. Da feindliche Bomber die terrestrischen Rundfunksender zur Navigation nutzen konnten, wurden diese bei Einflügen umgehend abgeschaltet und das Funksignal über die Telefonleitungen zu den Empfängern gesendet. Um diesen sogenannten Drahtfunk empfangen zu können, benötigten die Hörer einen Telefonanschluss, ein Radio und einen Umschalter, durch den der Drahtfunk über das Radio hörbar wurde. Angesagt wurden die Flugrichtung und die Stärke der Bombenverbände. Mithilfe von Drahtfunk-Orientierungstafeln konnte anschließend die Zeit berechnet werden, in der die Bomberverbände die einzelnen Städte erreichen würden.
Ein Auszug aus der Pfarrchronik Neuss Norf, vom 1. September 1943:
"Im Pfarrhause wird der Drahtfunk angelegt. Jetzt können wir das Tick-Tack hören, immer wieder unterbrochen von der Stimme der Ansagerin: Achtung, Achtung! Mitteilung an alle. Die Spitze der Verbände nimmt Richtung auf . . . Wir sind froh, wenn es nicht heißt: M.Gladbach - Düsseldorf."
Bald hatten die Kinder sich Gedichte zusammengereimt:
Achtung! Achtung! Ende! Ende!
Über Holland steh‘n Verbände.
Über Belgien schießt die FIak.
Über Norf, da stürzt er ab.
Achtung! Achtung! Ende! Ende!
Abgedreht hab‘n die Verbände.
Die Bomben haben sie mitgenommen.
Doch bald werden sie wiederkommen."
Drahtfunk-Orientierungstafel aus den 1940er Jahren.
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Ein Drahtfunkgerät von 1939.