" 75 Jahre Kriegsende im Rhein-Kreis Neuss"

unter diesem Titel verfasste unser Verein im Frühjahr 2020 eine Zusammenstellung einiger prägnanter lokaler Ereignisse anlässlich des 75 Jahre zurückliegenden Endes des Zweiten Weltkriegs.

Werfen Sie hier einen Blick auf das Geschehen während der letzten Kriegswochen im ehemaligen Landkreis Grevenbroich-Neuß.

Es ist nun mehr als 75 Jahre her, dass US- Soldaten unter Einsatz ihres Lebens den heutigen Rhein-Kreis Neuss von der NS- Herrschaft befreit haben. Einige Monate später, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg, der mehr als 60 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, in Europa endgültig. 

Um an die historischen Ereignisse zu erinnern, die zur Befreiung des heutigen Rhein Kreis Neuss` führten, haben wir die Reihe „KRIEGSENDE im Rhein-Kreis Neuss“ verfasst.

 

Zwar brachten die letzten Kriegsmonate  besonders viel Leid und Zerstörung für die Zivilbevölkerung, aber auch die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende. Durch den Marshallplan unterstützt setzte der anschließende Wiederaufbau des Landes ungeahnte Energien frei -eine Leistung, die nicht zuletzt den Frauen des Landes zu verdanken ist. 

So folgten auf die entbehrungsreiche Nachkriegszeit das Wirtschaftswunder und eine freiheitliche demokratische Grundordnung, die den Bürgen wachsenden Wohlstand brachte.

Deshalb wollen wir in Dankbarkeit besonders an die alliierten Soldaten und ihren langen Weg zum Sieg erinnern, die zwischen dem 27. Februar und dem 6. März 1945 den heutigen Rhein- Kreis Neuss befreit haben

31. Dezember 1944

In der Silvesternacht des Jahres 1944 griff die US-Air Force die Stadt Neuss mit 109 Bombern an. Erklärtes Ziel dieses Luftangriffs war die Zerstörung des Neusser Bahnhofs, um deutsche Nachschublieferungen für die Ardennenoffensive zu verhindern. 

Die abgeworfene Bombenlast von rund 200 Tonnen richtete jedoch besonders im Bereich der Innenstadt verheerende Schäden an. So wurde in dieser Nacht auch das historische Rathaus vollständig zerstört. An derselben Stelle wurde das heutige Rathaus erst 1954 neu errichtet. 

IM BILD: Bomber im Anflug auf Neuss

6. Januar 1945


Der zehnte schwere Luftangriff auf die Stadt Neuss erfolgte am 6. Januar 1945 gegen 19:00 Uhr. 147 britische Bomber entluden rund 400 Tonnen Spreng- und Brandbomben über der Stadt, insbesondere über dem Dreikönigenviertel, dem Stadionviertel und der Innenstadt. 

An diesem Abend wurden neben dem Josephskrankenhaus und dem Krangenhaus an der Preussenstraße auch 424 Wohnhäuser vollständig zerstört sowie 1.146 Wohnhäuser schwer beschädigt. Weiterhin waren 39 Tote und 91 verletzte Personen zu beklagen. 

Mit der Zerstörung des eigenen Hauses begann für die Betroffenen die Zeit der Obdachlosigkeit. Unterstützt durch die Familie und Nachbarschaft bekam man vorübergehend ein Notquartier – solange, bis der eigene Wohnraum notdürftig instandgesetzt war.

ZEITZEUGENBERICHT:

"Am 6. Januar 1945 wurde mein Elternhaus in der Stadtmitte völlig ausgebombt. […] Als ich in Neuss in unsere Straße einbog, sah ich meinen Vater schon beim Schuttschaufeln. Er sagte nur: „Gott sei Dank, dass wir alle noch leben. Nicht heulen, anpacken!“[…] Wieder zusammen in Neuss lebte meine Familie in den ersten Tagen mit anderen Obdachlosen in einem Luftschutzkeller der Nachbarschaft. Danach wohnten wir kurze Zeit bei einer anderen Familie, bis der eigene Luftschutzkeller, der nicht zerstört worden war, freigeschaufelt war. Er hatte dem Angriff standgehalten, die unterzogenen Eisenträger hatten die Druckwelle abgefangen."

IM BILD: Bombenschäden auf der Erftstraße /Neuss

14. Januar 1945


Am Abend des 14. Januar 1945 flog die Royal Air Force mit 151 Bombern einen der schwersten Luftangriffe auf die Stadt Grevenbroich. Der Bahnhof war zu dieser Zeit der westlichste Knotenpunkt im Reich und somit ein strategisches Ziel für die Alliierten im Kampf um den Sieg. 

Wie die Bevölkerung diesen Angriff erlebte, schildert ein Zeitzeuge so:

"Gegen 19.30 Uhr wollte ich nach Hause gehen und wurde von Fliegeralarm überrascht. Vor den fallenden Bomben habe ich mich in den Schnee geworfen, während 20 Minuten lang vor mir und um mich die Bomben krachten. Immer wieder blitzte es über mir auf, immer wieder rauschten pfeifend Bomben, dann bebte die Erde von den Aufschlägen, und dann krachte es erregend. Die Mehrzahl der Bomben ging in der Nähe der Bahn nieder. Bahnhof, Finanzamt, Elektrizitätswerk, eine Reihe Häuser wurden zerstört, andere beschädigt. 35 Menschen wurden getötet. Ich habe in Todesangst geschwebt und wurde zu Hause angstvoll zurück erwartet."
14.01.1945 Matthias Brass, Eintrag in der Schulchronik Elfgen-Grevenbroich

IM BILD: Zerstörter Bahnhof in Grevenbroich

26. Januar 1945

Nachdem die Alliierten erfolgreich in der Normandie gelandet waren, nahmen die Tieffliegerangriffe von britischen und amerikanischen Jagdbombern im Kreisgebiet immer mehr zu. Anfang 1945 gehörten sie bereits rund um die Uhr zum Alltag. 

So auch am Nachmittag des 26. Januar 1945 in Grevenbroich. Feindliche Jagdbomber warfen mehrere Bomben in der Nähe des Bahnhofs ab, weshalb sich die Eltern aus Elfgen beharrlich weigerten, ihre Kinder zur ärztlichen Routineuntersuchung nach Grevenbroich gehen zu lassen. 

Im Gegensatz zu den Flächenbombardements, bei denen die Flugzeuge ihre Bombenlast in einer Höhe von 4.000 bis 6.000 Meter abwarfen, flogen Jagdbomber bis auf wenige Meter an ihr Ziel heran. Sie konnten so wesentlich präziser operieren und auch gegen kleine und mobile Ziele eingesetzt werden. Bei ihren Angriffen setzten die Jagdbomber neben den üblichen Sprengbomben auch ihre gefürchteten Bordgeschütze ein. 

Ein Zeitzeuge aus Grevenbroich-Elfgen beschreibt eine Situation Anfang des Jahres 1945 so:

"Als ich nachmittags am Friedhof in Elfgen stand, sah ich hoch am Himmel einen feindlichen Jagdbomber. Plötzlich stürzte die Maschine mit heulendem Motor auf mich zu, sie kam so nah, dass ich den Piloten in seinem Cockpit klar erkennen konnte. Voller Panik warf ich mich hinter ein großes Grabmal, in der Hoffnung, dass der Steinblock die Schüsse aufhalten würde. 

In diesem Augenblick flog die britische Spitfire über meinem Kopf hinweg und schoss auf die Reichsstraße 1, die gleich hinter dem Friedhof lag. Da waren Fuhrwerke unterwegs. Als ich dort ankam, sah ich die ganze Straße voll vom Blut der Pferde, es war einfach nur furchtbar. "


IM BILD: Tiefflieger, US-amerikanische Thunderbolt

2. Februar 1945

Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive hatte sich das militärische Kräfteverhältnis im Westen grundlegend geändert. Anfang Februar 1945 beherrschte die deutsche Luftwaffe längst nicht mehr den Luftraum über dem Rheinland. Ango-amerikanische Bomber und Tiefflieger bestimmten das Bild am Himmel. 

 

Dennoch kam es am 2. Februar 1945 um 23:00 Uhr zum Abschuss eines britischen Bombers auf Dormagener Gebiet. Die sechsköpfige Crew überlebte den Absturz nicht und wurde am 6. Februar 1945 auf dem Friedhof in Dormagen beigesetzt

 

Während des fünf Jahre dauernden Luftkriegs betrug die durchschnittliche Verlustrate der britischen Bomberverbände pro geflogenem Einsatz 5%. Statistisch betrachtet lag die Chance eines Crewmitglieds, die ersten 30 Einsätze zu überleben, bei 1:5. 
Im Zweiten Weltkrieg verloren 158.546 alliierte Luftwaffensoldaten im Einsatz ihr Leben.

Seit 1944 hatte sich die Situation in der Luft jedoch geändert. Alliierte Bomberverbände und Jagdbomber konnten nahezu ungestört über den Köpfen der Menschen operieren. Bedingt durch die mangelhafte Treibstoffversorgung war der Einsatz von deutschen Abfangjägern zu diesem Zeitpunkt eine Seltenheit. 

Lediglich die Flak-Einheiten der Luftwaffe verblieben bis zum Eintreffen der alliierten Infanterie im Kreisgebiet. Jedoch wurden mit dem Überfall auf die Sowjetunion ca. 120.000 erfahrene Soldaten aus dem Reichsgebiet abgezogen und an den Fronten eingesetzt. Ab 1943 verpflichtete man deshalb rund 200.000 Oberschüler im Alter von 15-17 Jahren zum Dienst als Flak- und Luftwaffenhelfer. Durch die nur kurz ausgebildeten und ohne unterstützende Luftaufklärung arbeitenden Flak-Soldaten war diese Verteidigung weit weniger erfolgreich als zu Beginn des Krieges. 

 
IM BILD: Wrack eines Wellington-Bombers auf den Feldern bei Dormagen

10. Februar 1945

Die Schlacht im Hürtgenwald war die letzte große Abwehrschlacht der deutschen Wehrmacht gegen die US-Armee. Sie endete in der Nacht zum 10. Februar 1945 mit der Sprengung von drei Talsperren in der Eifel. Viele Millionen Kubikmeter Wasser verwandelten den Fluss Rur in einen reißenden Strom. Dieses Hindernis verzögerte die von den US-Truppen geplante Operation Grenade zur Eroberung des  Rheinlandes um weitere zwei Wochen. Nach den Kämpfen im Hürtgenwald konnten die deutschen Verteidiger nur noch auf wenige  schlecht ausgerüstete Verbände und den Volkssturm zurückgreifen. 
 

Mit dem Erlass über die Bildung des Deutschen Volkssturms vom 25.09.1944 konnten auch die letzten daheim verbliebenen Männer im Alter zwischen 16 und 60 Jahren zu den Waffen gerufen werden. 

Im Kreisgebiet wurden alle volkssturmpflichtigen Personen am Ende des Jahres 1944 erfasst. Ihre Aufgaben reichten von Schanzarbeiten wie dem Bau von Panzer- und Straßensperren bis hin zur Verteidigung ganzer Ortschaften. Zu solch aussichtslosen Kampfeinsätzen kam es allerdings nur noch vereinzelt. 

Als letztes Hindernis vor dem Rhein wurde bereits  ab Dezember  1944 die Erft zwischen Neuss und Erftstadt zu einer Stellung ausgebaut. Hastig angelegte Panzer-, Lauf- und Schützengräben sollten eine Verteidigungslinie bilden, die jedoch keine nennenswerte Auswirkung mehr auf das Kriegsgeschehen hatte. 

ZEITZEUGENBERICHT: 

"Ich war eingeteilt, um die Panzersperre vor unserem Haus zu verteidigen, meine Mutter hatte schon die ganzen Klamotten gepackt und die Flucht vorbereitet. Ich sagte: „Das geht nicht, ich bin eingeteilt, ich muss die Panzersperren verteidigen.“ Und da hab ich das einzige Mal von meiner Mutter Schläge bekommen. Das war gut so! Damit war der Krieg für mich beendet."
Herr K. aus Düsseldorf (geb. 1931)

IM BILD: Volkssturm-Männer bei der Ausbildung

23. Februar 1945

Am 23. Februar 1945 startete nachts um 2:45 Uhr am Westufer der Rur die US-amerikanische Operation Grenade. Um 3.30 Uhr begannen Infanteristen damit, die immer noch Hochwasser führende Rur zu überqueren. Unter hohen Verlusten gelang es den US-Truppen an diesem Tag bei Schophoven (Jülich), den ersten Übergang zum Ostufer der Rur zu errichten. In den folgenden drei Tagen wurden die Brückenköpfe  bei Linnich, Jülich und Düren ausgebaut. Besonders die Städte litten unter den Kampfhandlungen. Hemingway nannte  Düren zu dieser Zeit „eine zu Staub zermahlene Stadt“.

Auf dem Weg zum Rhein eroberte die US-Armee jedes Dorf auf der Linie Elsdorf – Erkelenz – Mönchengladbach – Neuss einzeln. Immer unterstützt durch Jagdbomber, die im Hinterland ihre Einsätze gegen strategische Ziele flogen.

So wurde am 24. Februar 1945 das Kraftwerk Frimmersdorf durch Bombenabwürfe schwer beschädigt und der 125 Meter hohe Schornstein stürzte auf das Kesselhaus, woraufhin die Stromversorgung für die Braunkohlegrube zusammenbrach. Dadurch fielen dort die Pumpen aus. Ein Volllaufen der Grube wurde gerade noch rechtzeitig durch die improvisierte Reparatur eines 10.000 KW- Generators im Kraftwerk verhindert. Das Kraftwerk Frimmersdorf  konnte erst Ende des Jahres 1946 wieder ans Netz gehen.   

Die Operation Grenade, in deren weiteren Verlauf auch der heutige Rhein- Kreis Neuss befreit wurde, endete 17 Tage nach ihrem Beginn am 11. März 1945 mit der endgültigen Einnahme von Wesel. 

Insgesamt kämpften zwischen Rur und Rhein 345.000 US-amerikanische Soldaten mit rund 1.400 Panzern gegen 50.000 bis 80.000 deutsche Soldaten mit 184 Panzern. 

IM BILD: Kraftwerk Frimmersdorf (Grevenbroich) mit zerstörtem Schornstein

27. Februar 1945

 Auf dem Weg von der Rur zum Rhein hatten die US-Truppen bereits die Kreise  Düren und Heinsberg erobert. Am 27. Februar 1945 setzten sie zum Sturm auf den heutigen Rhein-Kreis Neuss an. Gegen Mittag rückten die ersten Panzer aus östlicher Richtung nach Garzweiler und Hochneukirch vor. Bereits am Nachmittag besetzten sie auch die Orte Holz und Otzenrath. 

Während der folgenden acht Tage erlebte das Kreisgebiet die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs hautnah. Die Front zog sich von West nach Ost bis zum Rhein, wo am 6. März 1945 Zons als letzte Stadt im Kreisgebiet von den Alliierten erobert wurde. 

Die Ankunft der US-Soldaten vollzog sich vielerorts in gleicher Weise. Als erstes durchsuchten sie alle Häuser nach deutschen Soldaten und Waffen. Zudem wurden unbeschädigte Häuser vorübergehend beschlagnahmt, um ein Quartier für die Amerikaner zu schaffen. Diese Maßnahme führte zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Besatzern. Trotz aller Schwierigkeiten kam der Einmarsch der Amerikaner den meisten Bewohnern wie eine Erlösung vor.

 ZEITZEUGENBERICHTE: 

„Kein Nazi-Terror mehr, keine Luftangriffe, an den Wiederaufbau unserer Stadt denken können, dafür wollte man schon einiges in Kauf nehmen.“ 
Herr R. aus Neuss (geb. 1903)   

"Mein Vater hat die Amerikaner mit Erleichterung empfangen. In unserem Haus waren 11 Offiziere. Die hatten mehr Angst als wir. Sie nahmen überall das Gewehr mit. Auch zur Toilette nahmen sie das Gewehr mit.“
Frau T. aus Neuss (geb. 1926)

IM BILD: Karte über die Lage der deutschen Einheiten zur Verteidigung

28. Februar 1945

Am Morgen des 28. Februar 1945 kam es in Jüchen ab 7:00 Uhr zu den letzten Kampfhandlungen, bei denen die Amerikaner Artillerie, Granatwerfer, Maschinengewehre und auch Jagdbomber einsetzten. Auf deutscher Seite erwiderten lediglich Panzerabwehrkanonen und Panzergeschütze, die an der Eisenbahnlinie, der Sandgrube, der Ziegelei und am Mühlenturm standen, das Feuer. Die Einwohner von Jüchen hielten sich währenddessen in den Kellern auf und warteten voller Sorge den Ablauf des Geschehens ab.  

Dieses letzte Gefecht um Jüchen kostete noch zahlreiche deutsche Soldaten und Zivilisten das Leben. 

Gegen 9:30 Uhr rückte die US-Armee aus Richtung Priesterath, Otzenrath und Holz kommend in Jüchen ein. Die amerikanischen Soldaten drangen sofort nach der Eroberung des Ortes in die Häuser ein und forderten alle Bewohner auf, sich auf dem Marktplatz zu versammeln und dort fünf Stunden lang auszuharren. Während dieser Zeit durchsuchten US-Soldaten die Häuser und entwendeten dabei auch Geld, Schmuck und andere Gegenstände. Die Zwangsarbeiter der Umgebung wurden ebenfalls nach Jüchen gebracht und waren nun frei.

Im Verlauf des 28. Februar 1945 eroberten die Amerikaner noch folgende Ortschaften: Wey, Hoppers, Mürmeln, Schlich, Wallrath, Neuenhoven, Rath, Bedburdyck, Hemmerden, Gubberath, Gierath, Bedburdyck, Hemmerden, Orken, Elsen. Am Nachmittag wurde der US-amerikanische Vormarsch durch Abwehrkämpfe bei Kapellen und Glehn vorerst gestoppt.


IM BILD: US-Soldaten sammeln die Bewohner der Stadt Jüchen auf dem Marktplatz

1. März 1945

Am Nachmittag des 28. Februar 1945 rückten die amerikanischen Truppen über die Reichsstraße 1  (heute A46) weiter vor. Dabei wurden sie von deutscher Artillerie und Bodenflak aus Richtung Nievenheim und Glehn beschossen. Die Amerikaner beantworteten diesen Angriff unverzüglich und nahmen die Ortschaft Glehn unter Beschus